Die Geister, die ich rief – EU-DSGVO reloaded

Gestern war ich mal beim Arzt. Das ist durchaus selten, denn ich mag nicht krank sein. Aber gut, die Untersuchung war notwendig und im Endeffekt ohne Befund. Am Ende der Besprechung wurde ich gefragt, ob ich einen Ausdruck der Diagnose mitnehmen wollte. Ich -ganz neuzeitlich- meinte nur: „Können Sie mir das nicht per E-Mail schicken? Ich hätte das gerne digital“. Der Arzt war völlig entsetzt! Er hatte heute morgen eine Besprechung mit seinem Datenschutzbeauftragten, der ihm verschiedene „Spielregeln“ an die Hand gegeben hat. Eine davon war, dass man Patienten -aus Datenschutzgründen- ab sofort Befunde nur noch per Ausdruck in die Hand gibt. Wir kamen ins Gespräch, weil auch in unserer Apotheke die Frage im Raum steht wie wir in bestimmten Situationen mit den neuen Bestimmungen umgehen sollen.

Der Arzt erzählte mir, dass die umliegenden Kliniken gerne eine Voranmeldung der Patienten per Fax wünschen. Das hätte der Datenschutzbeauftragte aber abgelehnt, weil das Fax ja vielleicht an der falschen Stelle ankommen könnte (wenn der/die MFA sich vertippt). Die Lösung (festhalten!): ab sofort werden sämtliche Termin mit der Klinik telefonisch vereinbart, was zwar wesentlich mehr Zeit kostet, aber datenschutzkonform sein soll (ohne Gewähr!).

Auch wir machen uns Gedanken, ob wir Medikamente noch an den Lebensgefährten/(Ehe)partner oder das (gemeinsame) Kind abgeben dürfen und wie wir Lieferungen verpacken müssen, damit unser Bote keine Rückschlüsse auf das Medikament ziehen kann.

Was ich für mich feststelle: die DSGVO mag gut gemeint sein, sie ist aber so schlecht gemacht, dass kleine Unternehmen von der Arztpraxis über die Apotheke zum Handwerker oder sonstigem Selbstständigen hinten runter fällt. Die einzige Klientel, die einen Nutzen von dieser Verordnung hat, sind die Firmen, die einen Datenschutzbeauftragten stellen. Denn selbst wenn man weniger als 10 Personen hat, die mit dem Umgang von Daten beschäftigt sind, fühlt man sich dermaßen unsicher, dass man dann -wie mein Arzt und auch ich- einen externen Datenschutzbeauftragten bestellt, den man zu den jetzt aufkommenden Themen befragen kann.

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Ein Gespenst geht um in der EU: die DSGVO kommt

Am 25. Mai 2018 ist es soweit: die EU-DatenSchutzGrundVerOrdnung (DSGVO) tritt in Kraft. Viele Unternehmen und Vereine fragen sich jetzt was man tun muss um den neuen Datenschutzrichtlinien gerecht zu werden.

Auch bei uns in der Apotheke ist die DSGVO immer wieder Thema. Dummerweise ist es so, dass es oft wenig Klarheit gibt. Es geht los beim Datenschutzbeauftragten (DSB). Bisher -nach altem Datenschutzrecht- war ein DSB erst ab 10 „datenverarbeitenden Personen“ notwendig. Gut, unsere Apotheke hat weniger als 10 Mitarbeiter, alles kein Problem. Denkste! Denn die EU-DSGVO unterscheidet zwischen „normalen“ und „gefährlichen“ Daten. Und die Sozialversicherungsdaten, die typischerweise in Apotheken und natürlich auch Arztpraxen anfallen, gehören zu den „gefährlichen“ Daten. Wenn dem so ist, müssten wir also, obwohl weniger als 10 Köpfe, einen DSB ausbilden lassen oder extern bestellen. Nota bene: auch wenn ein DSB bestellt ist, hat dieser keine Weisungsbefugnis und ist auch für nichts verantwortlich. Verantwortlich ist immer die Unternehmensleitung, in der Apotheke also der/die Inhaber/in.

Für mich als Chef ist das natürlich toll: wenn ich einen Datenschutzbeauftragten (DSB) bestellen muss, kann ich den extern bestellen (und bezahlen), habe aber eigentlich nix davon, weil ich ja trotzdem verantwortlich bin. Bilde ich eine(n) Mitarbeiter(in) meiner Apotheke zum DSB aus, ist die Sachlage gleich, außerdem genießt der interne DSB einen Kündigungsschutz, der erst 1 Jahr nach seiner Abberufung wieder aufgehoben wird. Insgesamt also eine Lose-Lose-Situation, die ich gerne vermeiden möchte.

Also habe ich bei der Landesdatenschutzbehörde angefragt wie das jetzt mit den Kleinbetrieben im Apothekenbereich ist. Hier die offzielle Antwort, die ich vor wenigen Tagen erhalten habe:

Sehr geehrter Landapotheker,

vielen Dank für Ihre E-Mail. Die von Ihnen aufgeworfene Frage, unter welchen Voraussetzungen nach der EU-DSGVO (und dem am 25. Mai 2018 in Kraft tretenden neuen Bundesdatenschutzgesetz) Apotheken, beispielsweise die Ihrige, einen eigenen Datenschutzbeauftragten zu benennen haben, ist derzeit Gegenstand der Erörterung durch die Konferenz der unabhängigen Datenschutzbehörden in Deutschland (Datenschutzkonferenz). Dabei sollen eine für ganz Deutschland einheitliche Interpretation und Anwendung der neuen Rechtsvorschriften und die damit einhergehende Rechtssicherheit erzielt werden. Wenn die Arbeit der Datenschutzkonferenz den gewünschten Fortgang nimmt, können eventuell Ende April 2018 Ergebnisse veröffentlicht werden.

Daher wäre es aus unserer Sicht erwägenswert, wenn auch Sie zunächst die Ergebnisse dieser Arbeit abwarten. Wir würden Sie dann so rasch wie möglich per E-Mail über diese Ergebnisse informieren (ungeachtet der Tatsache, dass wir die Ergebnisse dem allgemeinen Publikum zugänglich machen und somit auch im Internet veröffentlichen würden).

Wir hoffen, Sie sind mit einer solchen Vorgehensweise einverstanden.

Mit freundlichen Grüßen

Im Auftrag

Landesdatenschutzbehöre

Aha. Da bin ich jetzt nicht wirklich schlauer.

Neben dem Datenschutzbeauftragten (DSB) braucht es auch noch ein Verarbeitungs- und ein Verfahrensverzeichnis. Darin soll dann festgehalten werden welche Daten von Kunden, Angestellen, Lieferanten und sonst wem wie lange, auf welcher Rechtsgrundlage und wofür gespeichert werden. Ach ja, und wenn es sich um „gefährliche“ Daten handelt, benötigt man auch noch eine Datenschutzfolgeabschätzung. D.h. was passiert wenn mal was schief geht? Daneben müssen noch technische Dokumentationen über die Datensicherheit auf den Servern und PCs erstellt werden (Zugriffsrechte, Protokolle, etc.)

Hallo? Ich muss eine Apotheke leiten, keine Verzeichnisse erstellen. Das habe ich doch erst bei der Verfahrensdokumentation für die Kassennachschau, die einen eigenen Blog-Artikel wert wäre (soll ich?), gemacht?! Also jetzt auch noch die Datenschutzdokumente erstellen, ich habe ja sonst nichts zu tun.

Und wie ist das jetzt mit der Belieferung von Rezepten? Müssen wir jeden Kunden darauf hinweisen, dass seine Daten von uns und unserem Rechenzentrum und seiner Krankenkasse weiterverarbeitet und teilweise gespeichert werden? Müssen wir alle Kunden mit Kundenkarte anschreiben, dass sich etwas geändert hat und ggf. neue Erlaubnisse zum Speichern der Daten einholen?

Ehrlich gesagt: keine Ahnung! Vermutlich machen wir erst mal weiter wie bisher, in den nächsten Wochen wird sich hoffentlich die Datenschutzbehörde melden und ein wenig Klarheit schaffen. Stay tuned!

 

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Die Zukunft der deutschen Apothekerschaft?

Angeblich hat „die ABDA“ (wie ich dieses Unwort inzwischen hasse) an alle Landesorganisationen (Kammern und Verbände) eine Anfrage gestartet junge interessierte Kollegen1 zur Mitarbeit zu bewegen.

Seltsamerweise habe ich, der ich möglicherweise in die Zielgruppe (30-50 Jahre alt) gehöre, davon bisher nichts mitbekommen. Weder von der Kammer noch vom Verband kam eine entsprechende Information. Aber warum auch? Schließlich dreht man sich ja um sich selbst, und das reicht zur Daseinsberechtigung.

Jetzt mal ernsthaft: welcher Kollege (und ich meine damit auch die Kolleginnen, aber der Gender-Scheiß ist mir zuwider), der eine gut laufende Apotheke betreibt, meldet sich bei so einem Aufruf? Bei dem man ALLE Kosten der Anreise und ggf. Übernachtung selbst tragen muss, während die „hauptamtlichen“ Ehrenamtlichen als Spesenritter unterwegs sind?! Zu einer solchen Veranstaltung bei der ich evtl. noch eine Vertretung für mich engagieren muss, hätte ich persönlich keine Lust. Denn für mich würde es heißen „Außer Spesen nix gewesen“. Aber so ist „unsere“ ABDA leider: völlig weltfremd und sehr weit von der Realität der Normal-Apotheke entfernt.

Und warum ist das so? Weil wir „Vor-Ort-Idioten“ uns das gefallen lassen! Die Masse der ApothekerInnen hat nicht den Allerwertesten in der Hose hier Rabatz zu schlagen. Ein paar wenige Kolleginnen und Kollegen tun das, das ist ehrenhaft, wird von den „Oberen“ aber leider als Querulantentum abgekanzelt.

Die Revolution der Apothekerschaft kann und muss von unten kommen: bei der Kammer kann ma nichts tun, denn da sind wir zwangsverhaftet. Aber bei den Verbänden ist Potential: wenn wir geschlossen austreten hat die ABDA/der DAV und auch die Kammern ein Riesenproblem.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, die Sie diesen Beitrag lesen, denken Sie mal darüber nach! Kadavergehorsam bringt uns sicherlich nicht weiter!


1: ich benutze hier weibliche und männliche Bezeichnung gleichermaßen und nehme keine Trennung zwischen den Geschlechtern vor.

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Eure Apotheke in 5-10 Jahren?

Die normale öffentliche Apotheke steht unter Beschuss. Das ist für alle, die in diesem Bereich arbeiten, nichts Neues. Allerdings werden die Angriffe auf die Institution Apotheke immer häufiger und heftiger. Gerade im Wahlkampf wurde die Apotheke in einem Licht dargestellt, das ihr absolut nicht gerecht wird: zu teuer, zu altmodisch, ersetzbar durch Internethandel und „Prescription corners“ in großen Drogerien oder Supermärkten. Diese Darstellung ist falsch! Denn bei aller -teilweise berechtigter- Kritik was z.B. das Thema Beratung angeht ist die öffentliche Apotheke ein sehr günstiges Modell um flächendeckend an Arzneimittel zu kommen! Unsere Aufschläge sind staatlich festgelegt. Die Leistungen, die wir erbringen müssen, ebenso

  • Rezepturen
  • Nacht-/Notdienst
  • Verpflichtung zur Öffnung des Geschäfts (täglich von 9:00-12:00 und 15:00-18:00 Uhr, Ausnahmen am Mittwoch und Samstag Nachmittag möglich)
  • Vorhalten von qualifiziertem Personal (ein/e Apotheker/in muss immer anwesend sein)
  • Verpflichtung zum Vorhalten von Standard-Medikamenten für einen 2-Wochen-Bedarf

Der Gegner ist dummerweise unser größter „Kunde“: der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV-Spibu). Der fordert die Abschaffung von Fremd- und Mehrbesitz, zahlreiche Kassen, allen voran die AOKs legen nach.

Um diese Forderung zu verstehen, muss ich ein wenig ausholen: deshalb beantworte ich zunächst die Frage, was das Fremd- und Mehrbesitzverbot derzeit bedeutet.

Was ist Fremdbesitz?

„Fremdbesitz“ heißt, dass der Besitzer der Apotheke jeder sein kann. Derzeit ist immer ein Apotheker Besitzer der Apotheke. Auch bei Filialen ist das so. EIN Apotheker hält den Kopf hin. Mit seinem gesamten Vermögen. Würde das Fremdbesitzverbot fallen, könnte der Inhaber einer Apotheke auch eine Kapitalgesellschaft sein: eine GmbH, eine AG, wasauchimmmer. Das heißt im Endeffekt, dass jeder, der genug Geld hat, eine Apotheke betreiben darf. Der Verbot des Fremdbesitzes soll „die Bevölkerung“ davor schützen, dass sie von Konzernen ausgenommen wird.

Was ist Mehrbesitz?

Mehrbesitz ist der Besitz mehrerer Apotheken. Derzeit (Stand 12/2017) hat der Gesetzgeber den Mehrbesitz auf vier Apotheken pro Inhaber begrenzt. Warum das so festgelegt wurde weiß niemand, ob das so bleibt auch nicht.

Im Jahr 2004 als das Mehrbesitzverbot auf vier Apotheken beschränkt wurde, war der Gesetzgeber der Meinung, dass ein Apotheker in der Lage sei maximal vier Betriebsstätten (Apotheken) zu leiten ohne den Überblick zu verlieren. Immerhin haftet er für alle Apotheken, die betrieben werden mit seinem persönlichem Vermögen (siehe Fremdbesitz).

Warum ist Fremdbesitz schlecht?

Es gibt ja einige Länder in denen es den Fremdbesitz gibt. Klassischerweise werden hier immer die USA genannt. Interessanterweise sind dort die Kosten für Arzneimittel höher als bei uns in Deutschland. Das liegt natürlich daran, dass große Ketten ganz anders verhandeln als wir Einzelapotheker in Deutschland.

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Selters statt Sekt oder „Merry Christmas“, das Gutachten ist da

Entgegen meiner Prognose noch vor ein paar Tagen hat das BMWi das Gutachten zum Apothekenhonorar nun doch noch veröffentlicht. Interessant dabei ist, dass sich die Zahlen so gut wie nicht verändert haben. Wurde „uns“ in der Vorabversion ein Packungshonorar von 5,80 Euro zugestanden, sind es jetzt -ta ta ta taaa- 5,84 Euro. Statt einem 4,8%igen Aufschlag auf den Einkaufspreis werden nun 5% empfholen. Und auch im Notdienstbereich soll es ein paar Cent mehr geben.

Im Großen und Ganzen muss eine durchschnittliche Apotheke mit einem Umsatz von 2,2 Mio Euro Umsatz bei der neuen Version des Gutachtens nicht mehr auf 45.000 Euro sondern „nur noch“ auf 40.000 Euro verzichten. Gut, jeder weiß ja, dass Apotheken zu viel Geld verdienen. Im Schnitt erwirtschaftet der Inhaber einer Apotheke im Jahr 2016 ein Betriebsergebnis von 143.000 Euro. Klingt viel, ist es aber gar nicht. Denn von diesem Geld müssen zum einen die persönlichen Vorsorgeleistungen bestritten werden (knapp 20.000 Euro pro Jahr), man muss seine Kredite zurückbezahlen (gut, das ist individuell), Rücklagen für Investitionen bilden und natürlich auch noch Steuern zahlen. Und zwar nicht wie bei GmbHs 25% sondern persönliche Einkommenssteuer bis zum Höchststeuersatz. Dazu kommt natürlich noch die persönliche Haftung bis aufs letzte Hemd und die hohe Arbeitsbelastung (Urlaub und Krankheit ist immer schwierig).
Und jetzt kommt der Punkt: ca. 70% der Apotheke liegen unter diesen Durchschnittszahlen!

Schaut man sich als selbstständiger Apotheker an, was man als Angestellter verdient, liegt man laut Tariftabelle bei knapp 49.000 Euro bezogen auf 12 Monatsgehälter und kommt durchaus ins Grübeln, ob die 143.000 Euro das Risiko des Totalverlusts durch solche irrsinnigen Gutachten. Gehen wir weiterhin von einer übertariflichen Bezahlung aus, schrumpft das Delta zwischen Selbstständigen- und Angestellten-Dasein weiter.

Und was jetzt?

Ehrlich gesagt, keine Ahnung.

Ich mag meine Selbstständigkeit, auch wenn man den Nachteil mit Urlaub etc. hat. Ich möchte weiterhin frei entscheiden können, welche Dinge ich anschaffe und wofür ich mein Geld ausgebe. Das ist bei einer Angestelltentätigkeit deutlich schwieriger.

Jetzt gehen vermutlich die großen Diskussionen mit „hätte“, „könnte“ und „sollte“ los. Auf den diversen Branchenportalen gibt es schon „die üblichen Verdächtigen“, die gegen Politik und unsere eigenen Leute in Berlin vom Leder ziehen. Ich halte das für wenig zielführend.

Ich wünsche mir aber, dass unsere führenden Standespolitiker ein klares Statement in Richtung Politik abgeben, dass die Zahlen des jetzt veröffentlichen „Schlechtachtens“, nicht stimmen können. Und dass eine Änderung der derzeitigen Arzneimittelpreisverordnung eine echte Gefahr für die Versorgung der Bevölkerung mit Medikamenten darstellt. Und wenn es wirklich gut läuft, liegt das Gegengutachten bei der ABDA schon in der Schublade. Daran glaube ich aber nicht wirklich, denn die alten Männer, die dort z.T. ehrenamtlich arbeiten, hatten sicherlich nicht den Weitblick ein Gegengutachten tatsächlich in Auftrag zu geben.

Was soll ich sagen, die Hoffnung stirbt zuletzt.

In diesem Sinne euch allen ein schönes Weihnachtsfest und einen guten Start ins Neue Jahr!

P.S.: Das Gutachten hat ca. 450.000 Euro gekostet. Die Gesamtkosten der deutschen Apotheken für die GKV betragen 5.040.000.000 Euro (nicht zu verwechseln mit den Arzneimittelkosten, die liegen bei 36.270.000.000 Euro), die Verwaltungskosten der Krankenkassen liegen bei ca. 11.158.770.000 Euro (4,9% von 222,7 Mrd. Euro) und die Ärzte (ohne Zahnärzte und Impfungen) erhalten ein Honorar von 36.530.000.000 Euro. Selbst die Fahrtkosten der GKV sind höher als die Kosten für alle deutschen Apotheken!

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Ein Gutachten, das es gar nicht gibt

Seit fast einem Monat geistert ein Gutachten durch die Fach- und inzwischen auch Laienmedien, das es eigentlich gar nicht gibt. Es handelt vom „Apothekenhonorar“, das von der Firma 2hm im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums erstellt wurde. Über „das Apothekenhonorar“ -eigentlich die Arzneimittelpreisverordnung- habe ich zwar bisher nicht viel geschrieben, es gibt aber zahlreiche Informationen darüber im Netz, unter anderem hier und bei Wikipedia.

Kurz gesagt und etwas vereinfacht: derzeit erhält jede Apotheke bei der Abgabe eines verschreibungspflichtigen Medikamentes ein Fixhonorar in Höhe von 8,35 Euro. Egal wie teuer das Medikament ist. Das heißt, selbst wenn ein Medikament die Apotheke keinen Cent im Einkauf kosten würde, beträgt der Preis für den Kunden 9,94 Euro, weil auf die 8,35 noch die Mehrwertsteuer gerechnet werden muss. Klingt zunächst unheimlich viel, je teurer das Medikament aber wird, desto geringer wird der Aufschlag. Die Seite „Ohne ApothekeR fehlt Dir was“ zeigt entsprechende Beispiele.

Dieses Honorar wurde 2004 zum ersten Mal in dieser Art und Weise festgelegt, vorher gab es einen prozentualen Aufschlag, der von maximal 68% Aufschlag bei sehr günstigen Arzneimitteln auf 8,263% plus 118,24 Euro bei sehr teuren Medikamenten über 543,92 Euro sank. Die Deutsche Apotheker Zeitung hat die Honoraränderung 2011 bewertet. 2004 lag der Aufschlag allerding bei 8,10 Euro, dies wurde 2013 um sagenhafte 25 Cent auf 8,35 Euro erhöht. Nota bene muss jede Apotheke derzeit 1,49 Euro (netto) bzw. 1,77  Euro (brutto) an die Krankenkasse abgeben. Diese Abgabe nennt sich „Kassenrabatt“, ist im Sozialgesetzbuch festgelegt und bewirkt, dass die Krankenkassen pünktlich bezahlen.

Nachdem die Apothekerschaft immer wieder angemahnt hat, dass die Leistung der Apothekeken zu gering finanziert ist, hat das Bundeswirtschaftsministerium im März 2016 ein Gutachten zum Apothekenhonorar bei der Firma 2hm beauftragt. Eigentlich sollte dieses Gutachten im November 2017 veröffentlicht werden. „Eigentlich“ deshalb, weil das Gutachten Zahlen produziert hat, die wohl nicht korrekt zu sein scheinen. So wird -in der nicht veröffentlichten aber interpretierten Fassung- kolportiert, dass die Apotheker ein viel zu hohes Honorar erhalten würden.

Halten wir fest: wir Apotheker sind der Meinung, dass das Fixhonorar, das seit vier Jahren nicht mehr angefasst wurde, überprüft werden muss. Und eine seltsame Agentur kommt zum Schluss, dass das wenige Geld, was wir für die flächendeckende Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln erhalten, viel zu viel sei. Das ist -mit Verlaub- mehr als seltsam, insbesondere wenn man überlegt, dass wir jedes Jahr 2% Inflation plus Lohnsteigerungen und Steigerungen bei allen anderen Kosten hatten. Gerade jetzt erhöht die apothekereigene Avoxa, die uns die Daten für unsere tägliche Arbeit liefert, die Kosten um ca. 10 Euro pro Monat. An unserem Honorar ändert sich: genau, NICHTS! Aber die Avoxa, die ja der ABDA Einnahmen generiert, kann jedes Jahr 3,5 Millionen Euro mehr einnehmen.

Nicht nur uns Apothekern fällt auf, dass da was nicht stimmen kann. Auch den Mitarbeitern des Bundeswirtschafts- und des Bundesgesundheitsministeriums scheint dies klar zu sein. Deshalb gibt es auch noch keine OFFIZIELLE Version dieses unsäglichen Gutachtens. De facto existiert das Gutachten also gar nicht. Und trotzdem stürzen sich unsere Fachmedien darauf und kalkulieren was uns zusteht und was nicht. Auch einige Laienmedien sind inzwischen dabei und kommentieren etwas, das noch gar nicht existiert.

Es ist schon seltsam, wie unsere Welt heute funktioniert…

Veröffentlicht in Politischer Wahnsinn, Zukunft

Rezeptur-Probleme

Dieser Tage war es mal wieder soweit und wir hatten eine absolute Kracher-Rezeptur: diverse Wirk- und Hilfsstoffe waren untereinander aufgeschrieben ohne, dass eine exakte Mengenangabe in Gramm, Milligramm oder Prozent angegeben war. Zusätzlich war einer der Hauptbestandteile nicht über den Großhandel lieferbar.

Zunächst machten wir uns die Mühe herauszufinden wie denn die Standardkonzentration des Wirkstoffes ist. Laut einer Quelle im Web betrug diese 0,075% der Gesamteinwaage. Leider hat das nicht zur verordneten Rezeptur gepasst, also haben wir Rücksprache mit der Arztpraxis gehalten. Diese verlief ungefähr so:

„Facharztpraxis Dr. Irgendwer, Guten Tag?“

„Hallo, hier ist die Apotheke aus dem Nachbarort, wir haben da ein Problem mit der Rezeptur, die Ihr Chef verordnet hat.“

„Was gibt es denn?“

„Nun, uns fehlen die kompletten Mengenangeben bei den Wirkstoffen. Was meint Ihr Arzt denn, wenn er „0,075“ schreibt? Gramm? Milligramm? Äpfel?“

„Rufen Sie doch mal die Apotheke unter uns an, wir verschreiben das oft und die wissen, wie man das herstellt“

„Nein, das wollen wir nicht. Sie müssen uns doch sagen können wie diese Tropfen hergestellt werden?!“

„Nein, da muss ich den Doktor fragen.“

Damit wurden wir dann auf einen Rückruf vertröstet. In der Zwischenzeit haben wir herausgefunden, dass einer der Hauptbestandteile nicht lieferbar ist. Das ist leider inzwischen ein häufiges Problem, dem man kaum nachkommen kann. Aber wir warteten erst mal die Rückmeldung von Herrn Doktor ab…

Die kam dann einen Tag später: „Das sollen alles Gramm sein!“ war die Antwort der MFA auf unsere Frage nach der Konzentration. Allerdings hatten wir in der Zwischenzeit ein wenig recherchiert und festgestellt, dass zu dem Wirkstoff, den der Arzt verwenden wollte, kaum Informationen gab. Eine Quelle meinte, dass man 0,075% des Wirkstoffes in eine Lösung einarbeiten sollte. Diese 0,075 standen zwar auf dem Rezept. Aber eben als Gramm und nicht als Prozent.

Wir wiesen darauf hin, dass die Konzentration des Wirkstoffes zu hoch sei und wurden abgekanzelt, dass das alles seine Richtigkeit hätte. Nun gut, dann stellen wir das so her. Nur: woher die Substanz nehmen, wenn nicht stehlen? Glücklicherweise half uns der Kollege aus dem Nachbarort, der seine Apotheke unter der Arztpraxis bertreibt, mit ein paar Milligramm Substanz aus. Und jetzt stellte sich das nächste Problem: der Arzt hatte ein Privatrezept ausgestellt, obwohl der Kunde von uns ein Kassenpatient war. Die recht hohen Kosten der Herstellung musste er also komplett selbst bezahlen. Deshalb riefen wir den Kunden an und holten uns das Einverständnis, dass er die Rezeptur privat bezahlt (knapp 30 Euro).

Bis heute ist uns aber nicht klar, ob der Arzt bzw. die MFA sich nicht vertan hat: der Kunde war bei der BARMER versichert, das Privat-Rezept war aber auf die BARMENIA ausgestellt.

Ja, das ist alles kein Kracher. Aber es ist der Einblick in das, was wir in den Apotheken tagtäglich tun: Probleme lösen und für unsere Patienten da sein!

Veröffentlicht in Apothekenalltag