Die Entmenschlichung der Gesellschaft schreitet vorn

Heute mal ein Beitrag etwas abseits des Apothekenalltags. Aber irgendwie dann doch wieder nicht, denn genau darum glaube ich, dass die Apotheke als soziale Einrichtung weiter überleben kann und wird.

Dieser Tage hatten wir mal wieder einige Kundenbeschwerden, dass die lokale Bank ihre Öffnungszeiten drastisch zurückgefahren hat. Von „Da können die ja gleich zu machen“ bis „Ich suche mir eine andere Bank“ gab es ein breites Spektrum von Äußerungen.

Natürlich habe ich Kontakt zur Bank, denn irgendwo muss unser Bargeld eingezahlt werden und auch unser Münzgeld muss immer wieder aufgefüllt werden. Von daher kam ich kürzlich mit den „Bankern“ (früher nannten die sich „Bankiers“, aber da war das auch noch ein Beruf mit mehr Ehrgefühl als heute) ins Gespräch und wir kamen auf das Thema Online-Banking versus lokale Filiale mit bekannten Ansprechpartnern. Tenor war, dass die Mitarbeiter gefrustet sind, weil nicht nur sie als Angestellte, sondern auch alle Kunden gedrängt werden ihre Bankgeschäfte online zu tätigen. Auf der anderen Seite muss eine Filiale natürlich eine bestimmte Kundenfrequenz bringen, was irgendwie schwierig ist, wenn immer mehr Menschen ihre Bankgeschäfte über das Internet tätigen. Deshalb besteht die „Banker“-Tätigkeit inzwischen häufig darin dem Kunden hinterherzutelefonieren um ihn dazu zu bewegen für eine Vermögensberatung in die Filiale zu kommen. Irgendwie unsinnig.

Bei uns am Ort ist der Anteil an älteren Menschen vermutlich überdurchschnittlich. Die wenigsten können oder wollen ihre Überweisungen an einem Automaten oder gar online tätigen, sondern sie erwarten einen Mitarbeiter vor Ort, der ihnen diese Arbeit abnimmt. Dafür bezahlen sie höhere Gebühren, was in meinen Augen in Ordnung ist. Das neue Bankkonzept sieht diese Kunden aber nicht mehr vor. Alles soll am Kundenterminal oder besser komplett online erledigt werden, damit die Filiale mit so wenig Personal wie möglich betrieben werden kann. Der Kunde muss nach dem Motto „Friß oder stirb“ damit zurechtkommen. Wie da dann mit den oder vielleicht auch nur dem Mitarbeiter ist, interessiert den Bankenvorstand wohl auch nicht. Denn komplett alleine seine Stunden abzureißen macht auch keinen Spaß. Die Arbeit lebt -so empfinde ich es- ja auch durch den Austausch mit den Kollegen. Schöne neue Welt!

Ich bin weiß Gott nicht technikfeindlich, das geht als Apotheker fast gar nicht. Und ich weiß, dass es für fast alles im Leben eine App gibt und nutze sowas auch. Sonst würde ich auch nicht meine Gedanken und Erlebnisse in diesem Blog beschreiben. Aber: ich brauche sozialen Kontakt! Ich kann nicht alles online erledigen und ansonsten nur den lieben langen Tag in der Wohnung vor dem Bildschirm sitzen. Sozialer Kontakt ist für Menschen meiner Meinung nach eine Notwendigkeit. Durch die Zunahme der Online-„Geschäfte“ wird der Sozialkontakt aber immer weiter und -wie ich finde- auf ein ungesundes Maß reduziert. Das kann für die Menschheit insgesamt in meinen Augen nicht gut gehen.

Genau das ist aber ein generelles Problem. Egal ob es sich dabei um Bankgeschäfte, Versicherungsgeschichten oder Einkaufen im Allgemeinen (Lebensmittel, Bekleidung, Medikamente, etc.) geht, alles wird heutzutage am besten online inklusive Preisvergleich gekauft. Geiz ist geil und nach mir die Sinntflut. Wenn wir aber alle alles nur noch am Rechner erledigen und so gut wie keinen Sozialkontakt zu unserer Umgebung mehr haben, werden wir Menschen nicht überleben können. Die lokalen Geschäfte werden schließen, einige große Internet-Giganten bleiben übrig. Der soziale Austausch zwischen Menschen findet nicht mehr statt, alles nur noch virtuell. Ist es das wo unsere Gesellschaft hinsteuert? Ich hoffe nicht. Denn ich finde es in vielen Dingen wichtig Vertrauen zu einem Menschen zu haben, der für mich Dinge erledigt. Ob das ein Händler, ein Makler, ein Arzt, Steuerberater, Handwerker oder Rechtsanwalt ist, spielt für mich keine Rolle. Ich lege Wert auf den Menschen! Und ich mag es, dass ich und meine Kollegen unser Kunden kennen und deshalb gut von Mensch zu Mensch beraten können.

Was meint ihr zu diesem sicherlich schwierigem Thema?

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Veröffentlicht in Allgemeines
One comment on “Die Entmenschlichung der Gesellschaft schreitet vorn
  1. Sandra Spatz sagt:

    Durch das neue EU-Datenschutzgesetz, welches zwar nicht in der Lage ist, uns vor dem Ausspionieren der großen Konzerne Amazon, Facebook und WhatApp zu schützen, aber horrende Strafen für vergleichsweise kleine Vergehen androht (Zettel mit Namen in den Müll geworfen), wird die Situation noch drastischer. Es wird die Abgrenzung zur Norm, die Versachlichung Standard, der emotionsbeladene Mensch zum Hindernis. Neu eingerichtete Ämter, die die Persönlichkeitsrechte und Anonymität in den Vordergrund und über alles stellen, was uns wichtig ist. Ginge es nach dem ULD – dies ist ein solches Amt in Kiel – würde man sogar das Wangenküßchen verbieten: Privatsphäre. Und was machen die Institutionen? Sie beugen sich, befinden für richtig, winken die nächste EU-Norm durch, mit all ihrem Unfug und ihrer Undurchdachtheit. Soziophobie statt Gemeinschaft, Digitale Isolation statt Skat spielen (ist ja auch ungygienisch), Kinder üben sich in mörderischen Kriegseinsätzen („Sniper“) auf ihren Handys, statt wie früher Räuber und Polizei zu spielen.
    Die Gesellschaft ist krank – todkrank. Die ersten Generationen von Politikern regieren, für die die Abnormalität normal ist: Sie twittern, bashen, shit-stormen wie diejenigen, die sie gewählt haben. Ohne Verstand, ohne Grenzen, ohne das richtige Gefühl für das richtige Tun.
    Und während unsere Gesellschafts- und Lebensform den Bach runtergeht sollen wir uns auf Geheiß der digitalen Medien damit ablenken, uns über die angeblich wahren Bösen dieser Welt – da werden immer die gleichen Übeltäter genannt – Gedanken zu machen und sie auszubuhen. Ach, wie schön waren die 80er, als es noch vorwiegend normale Menschen gab.

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